An einer Nebenstraße außerhalb von Tapachula steht ein steinernes Tor, in dessen Sturz ein deutscher Familienname eingraviert ist. Die Farbe ist verblasst, der Mörtel bröckelt. Doch die Farm dahinter liefert noch immer jede Saison Kaffee, genau 140 Jahre nachdem das Tor errichtet wurde.
Dies ist die Soconusco kaffeeregion, jener schmale Streifen im Süden von Chiapas, in dem die mexikanische kaffeegeschichte ihren Anfang nahm. Selbst Kenner von Single-Origin-Kaffees haben den Namen selten gehört. Die Erzählung darüber, wie diese Region aufstieg, zerfiel und leise zurückkehrte, gehört zu den kuriosesten Episoden von kaffee in Mexiko.
Was der Soconusco eigentlich ist
Der Soconusco liegt am Pazifikrand von Chiapas, eingezwängt zwischen der Sierra Madre und dem Ozean. Die Höhenlagen reichen von 600 bis 1.800 Metern. Dank vulkanischer Böden und einem Mikroklima, das zwischen feuchter Hitze und kühler Bergluft wechselt, besitzt pazifikhang kaffee aus diesem Korridor ein unverwechselbares Profil.
Politisch war der Soconusco lange Zeit ein Sonderfall. 1842 von Guatemala annektiert, blieb er für Mexiko jahrzehntelang ein fernes Grenzgebiet. Mexiko-Stadt war weit weg, und die lokale Politik wurde von Großgrundbesitzern und ausländischen Investoren bestimmt, während die Zentralregierung kaum Einfluss auf die indigenen Gemeinschaften hatte.

Wie die Deutschen im Jahr 1880 hierher kamen
In den 1870er Jahren wollte die Regierung unter Porfirio Díaz die Südgrenze wirtschaftlich erschließen. Land wurde Siedlern, die bereit waren zu roden und zu exportieren, günstig angeboten. Deutsche kaffeepflanzer folgten dem Ruf. Sie brachten Kapital, Fachwissen und Kontakte zu den Kaffeebörsen in Hamburg und Bremen mit.
Die ersten kommerziellen mexikanische kaffeefarmen im Soconusco entstanden zwischen 1875 und 1880. Namen wie Argovia, Hamburgo und Irlanda zeugen noch heute von dieser Ära. Jene frühen deutsche kaffeepflanzer errichteten Fincas mit Trockenplätzen und wasserbetriebenen Maschinen, die oft aus Europa importiert wurden. Damit legten sie den Grundstein für den Chiapas kaffeeursprung.
In den 1880er Jahren exportierte Mexiko erstmals Kaffee im großen Stil aus dieser Region. Um die Jahrhundertwende war die Soconusco kaffeeregion die produktivste Zone des Landes und belieferte europäische Röster, die damals noch selten die genaue Herkunft auf der Tüte angaben.
Die Glanzzeit und der lange Abstieg
Um 1910 lieferte der Soconusco etwa 60% des gesamten mexikanischen Kaffees. Die Fincas arbeiteten für damalige Verhältnisse im industriellen Maßstab, mit Hunderten von Pflückern und eigenen Schmalspurbahnen, um die Ernte für den direkten Versand nach Hamburg an die Küste zu bringen.
Dann kam die Mexikanische Revolution und später die Landreformen der 1930er Jahre. Viele große Güter wurden zerschlagen und an Kleinbauern verteilt. Im Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Familien enteignet und mexikanische kaffeefarmen unter staatliche Verwaltung gestellt. Die mexikanische kaffeegeschichte geriet ins Stocken.
Das daraus resultierende Genossenschaftsmodell produzierte zwar viel, aber selten herausragenden Kaffee. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Chiapas kaffeeursprung zur Massenware für anonyme Blends. Der Fokus auf spezialitätenkaffee aus Mexiko ging fast völlig verloren.

Warum die Region heute wieder Weltklasse erreicht
Die Renaissance begann um das Jahr 2000. Eine kleine Gruppe von Produzenten entschied sich, Qualität über Ertrag zu stellen. Darunter waren Nachfahren der ersten deutsche kaffeepflanzer, aber auch junge Ejido-Bauern, die moderne Verarbeitungsmethoden in Guatemala oder Honduras studiert hatten.
Spezialitätenkaffee aus Mexiko aus dieser Region erreichte Ende der 2010er Jahre bei Wettbewerben erstmals Scores von über 86 Punkten. Perfect Daily Grind dokumentierte, wie Produzenten im Soconusco nun mit anaeroben Verfahren experimentieren, um das volle Potenzial der Bohnen auszuschöpfen.
Heute liefert die Soconusco kaffeeregion etwa 30% der nationalen Menge, stellt aber einen weit höheren Anteil der Spitzenlote. Die mexikanische kaffeefarmen sind mit 5 bis 20 Hektar heute kleiner als 1910, aber die Qualität ist so hoch wie nie zuvor in der Geschichte von kaffee in Mexiko.
Möchten Sie den Geschmack dieser Region entdecken?
Die Geschichte des Soconusco ist noch lange nicht zu Ende. Die Produzenten zielen heute auf den Spezialitätenmarkt in Europa und Japan statt auf den Massenmarkt. Die mexikanische kaffeegeschichte wird nun mit Fokus auf Exzellenz fortgeschrieben.
Santo Café röstet Single-Origin Kaffees aus Mexiko in kleinen Chargen, die das Erbe und die Qualität des Soconusco in jede Tasse bringen.